Geschichte des Diakonates

diakon timon

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Die Worte des Weihegebetes stellen die Kandidaten, die gerade zuvor vom Bischof durch Handauflegung geweiht wurden, in die Tradition der „sieben Männer“ aus der Apostelgeschichte.1

Als die Kirche zu wachsen begann, bestellten die Apostel deines Sohnes, geleitet vom Heiligen Geist, sieben bewährte Männer. Ihre Helfer sollten sie sein für den täglichen Dienst; sie selbst sollten frei sein für das Gebet und für die Verkündigung des Wortes. Diesen Erwählten haben sie durch Handauflegung und Gebet den Dienst an den Tischen übertragen.“2

Bei genauer Betrachtung des Textes fällt auf, dass das sowohl der Tischdienst, der von den Sieben geleistet werden soll, als auch die Verkündigung (durch die Apostel) mit dem Begriff diakonia belegt werden. Aus Sicht des Wortumfeldes verbietet sich in der Interpretation dieser Perikope eine einseitige Überbetonung des Tischdienstes. Vielmehr wird die Diakonie zu einer „verbindenden Klammer der beiden Funktionen.“ 3 Aus dieser Beobachtung heraus empfiehlt es sich, für die alte Kirche die Einheit von Liturgie und Diakonie anzunehmen, zumal die neutestamentliche Begrifflichkeit selbst noch keine scharfe Trennung zulässt. Die theologische Forschung ist sich weitestgehend einig, dass wir mit den Sieben, die in der Apostelgeschichte erwählt werden, nicht die idealtypischen ersten Diakone im heutigen Sinne nachweisen können. Mit der gleichen Begründung kommt Apg 6 als biblischer Beleg für die Konzilsväter bei der Wiedererrichtung des Diakonates nicht in Frage.4 Nichtsdestotrotz haben wir mit der zitierten Stelle eine auch für den Diakonat bedeutsame Stelle vorliegen. In der dargestellten Situation erleben wir vor allem eine Umbruchsituation. Die Apostel als Leitungsgremium können nicht mehr alle Aufgaben selber übernehmen. Wir begegnen den ersten Differenzierungsprozessen in der rasch wachsenden jungen Kirche. Die gestellte Herausforderung der Versorgung führt zu einer ersten Konturierung von Strukturen. „In Treue zu Jesu Botschaft in Wort und Tat wird der Bedarf der Gemeinde aufgegriffen und durch die Indienstnahme von Personen für wesentliche Funktionen in der Gemeinde verantwortlich beantwortet.“ 5 Die personale Sendung der Apostel wird in verschiedene Dienste überführt, um die Kontinuität zu sichern.

Wenn man auch nicht den Diakonat im heutigen Sinn belegen kann, findet man doch ein Zeugnis für die Möglichkeit der Weitergabe der Apostolischen Sendung an die nächste Generation. Bei der Wahl des Apostels Matthias war noch das direkte Zeugnis der Auferstehung und die persönliche Gemeinschaft mit Jesus während seines irdischen Wirkens das Kriterium der Wahl6. Nun legten die Apostel neue Maßstäbe an, um ihre Sendung auf die nächste Generation zu übertragen. Sie wählten Männer „voll gutem Ruf und Weisheit“ und „beteten und legten ihnen die Hände auf.“7

Damit wird die Weitergabe des Apostolischen Amtes ermöglicht und der Grundstein gelegt für das, was heute mit dem Begriff der Apostolischen Sukzession die Kontinuität zum Ursprung der Kirche im Christusereignis sichert. In der Folgezeit entwickelt sich das kirchliche Amt in vielfältiger Weise. Einen fundierten Überblick liefert die in dieser Arbeit mehrfach zitierte Dissertation von Stefan Sander.8 Die für unsere Arbeit bedeutsamen Aspekte dieser Entwicklung fasse ich aus dieser Quelle hier zusammen:

Die drei Ämter des Episkopos, des Diakons und des Presbyters stehen im Dienst der Kontinuität des Evangeliums, mit je unterschiedlichem inhaltlichen Gewicht. Zunächst bilden sich schwerpunktmäßig zwei Ordnungen, eine episkopal – diakonale und eine presbyterale Ordnung. Letztlich setzt sich aber die Vorrangstellung des Bischofs durch, der auch mehr und mehr zum Garanten der Einheit der Kirche wird. Im Kontext dieser Entwicklung rückt der Diakon immer stärker in die Nähe des Bischofs. Dies bestätigt auch die Didache, eine mehr handlungspraktisch orientiere Gemeindeverfassung aus dem ersten Jahrhundert. Eine Verschmelzung von episkopal – diakonaler Ordnung mit der priesterlichen Verfassung findet sich zum ersten Mal bei Ignatius. Das dreigeteilte Amt versteht er als äußeres Zeichen für Rechtgläubigkeit und Legitimität der Kirche. Auch Ignatius betont die enge Beziehung von Bischof und Diakon. In der Traditio Apostolica (um 200) findet sich ein Weihegebet, das die Weihe des Diakons „in ministerio episcopi“9 verortet. Damit ist weniger eine funktionale Dimension, als vielmehr eine relationale Dimension beschrieben, nämlich die Verwiesenheit des Diakons auf den Bischof. Bemerkenswert ist, dass bereits in den Statuta Ecclesia antiqua (um 480), einer Sammlung von liturgischen und kirchenrechtlichen Satzungen, dieser Passus verkürzt erscheint: „non ad sacerdotio, sed ad ministerio“10. In dieser Weise verliert das Zitat seinen relationalen Charakter. Diese eher funktional anmutende Formulierung hat auch Eingang in die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanums gefunden.11

Das beschriebene Miteinander von Bischof und Diakonen lässt sich für die alte Kirche durchgängig nachweisen und es steht fast immer in direktem Bezug zur Eucharistiefeier, die eine Einheit aus Herrenmahl und der anschließenden Agape, dem Sättigungsmahl gewesen ist. Während der Bischof als Leiter der Gemeinde dem Herrenmahl vorstand, war der Diakon für die soziale Komponente des Sättigungsmahles zuständig. Beide Funktionen waren für die alte Kirche wesensnotwendig. Dies bestätigt das Testamentum Domini aus dem fünften Jahrhundert. Der Diakon wird dort beschrieben als „Geheimnis und Sinnbild der ganzen Kirche“12 durch seinen Dienst an den Notleidenden. Damit zeigt sich, dass der Auftrag der Diakone für die Identität der Kirche Jesu Christi bedeutsam, weil soteriologisch ausgerichtet ist. Die Entwicklung und historisch kontinuierliche Präsenz der Ämter des Episkopos und des Diakons lassen sich am ehesten aus der für die Kirche identitätsstiftenden Mahlfeier erklären.

Mit der immer stärker kultisch werdenden Eucharistiefeier vollzieht sich eine schleichende Trennung von Herrenmahl und Sättigungsfeier. Damit verliert das diakonale Amt seine identitätsstiftende Funktion und gerät in funktionale Abhängigkeit vom Bischofsamt. Das stärker kultisch orientierte Priesteramt gewinnt an Gewicht und gerät zunehmend in episkopale Aufgabenbereiche. Der Diakon behält allerdings weiterhin die Verantwortung für die sozialen Belange der Gemeinde. Mit dem Übergang von der verfolgten Kirche zur Reichskirche nach der Konstantinischen Wende verliert aber auch diese diakonale Komponente noch einmal an Relevanz. Mit dem starken Anwachsen der Gemeinden werden die Priester die bischöflichen Vertreter in Kult und Gemeindeleitung. Die Klöster nehmen mehr und mehr die sozial – caritativen Aufgaben war. Der Diakon bleibt weiterhin dem bischöflichen Amt zugeordnet. Das führt allerdings dazu, dass er auf Gemeindeebene fast gänzlich verschwindet. In den folgenden Jahrhunderten verliert der Diakonat schließlich auch seine Zuordnung zum Bischofsamt und verkümmert zu einer bloßen Durchgangsstufe auf dem Weg zur Priesterweihe. Aus dem relationalen Miteinander ist ein hierarchisches Nacheinander geworden.

Die mittelalterliche Theologie vor allem des Thomas von Aquin besiegelt schließlich das Schicksal des Diakonats, indem Sie das Wesen des Weihesakramentes in der potestas in eucharistiam, der Konsekrationsvollmacht verortet. Damit steht letztlich auch die Sakramentalität des Diakonates in Frage. Von der Beantwortung dieser Frage hängt nun die Zukunft des Diakonates ab.


1 Apg 6,3.

2 Die Weihe des Bischofs, der Priester und der Diakone. Handausgabe mit pastoral-liturgischen Hinweisen. Pontifikale Band 1, Freiburg 1994, 205.

3 Stefan Sander (2006), 101.

4 Vgl. Peter Hünermann: Theologischer Kommentar zur dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen Gentium. In: Bernd Jochen Hilberath und Peter Hünermann (Hg.): Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Bd. 2. Freiburg, Basel, Wien 2009, 457.

5 Stefan Sander (2006), 103.

6 Vgl. Apg 1,21f.

7 Apg 6,3-6.

8 Vgl. Stefan Sander (2006), hier vor allem Kapitel 3.

9 Trad. Apost. 8 (FC 1,237). Zit. nach: Stefan Sander (2006), 181.

10 Stefan Sander (2006), 181.

11 Vgl. LG 29,1.

12 T.Dom. I.34,1. Zit. nach: Stefan Sander (2006), 166.