Diplomatische Beziehungen zur Welt – der Diakon als Botschafter

Dieses Predigt habe ich im Vorfeld der Diakonenweihe eines Mitbruders am 15.November 2015 in St. Michael, Dormagen gehalten.

Als ich 2013 zum Diakon geweiht wurde, fragte Prof. Riße, der Leiter des Kölner Diakoneninstituts, meinen Sohn Samuel, ob das denn gut sei, dass der Papa jetzt Diakon ist. Ja. Und warum? Weil er jetzt den Schlüssel zur Kirche hat. Samuel meinte das ganz pragmatisch. Mit dem Kirchenschlüssel können wir mal eben so auf den Kirchturm klettern. Wir können den kurzen Weg von den Parkplätzen zur Musikschule nehmen.

Der Diakon hat den Schlüssel zur Kirche, liebe Schwestern und Brüder – darüber möchte ich mit Ihnen und Euch und vor allem mit Dir, lieber Ronald, heute morgen nachdenken.

Den Schlüssel verbinden wir gewöhnlich mit dem Hl. Petrus, und damit mit dem Papstamt. Diener der Diener Gottes, so lautet einer der Titel des Papstes. Aber das lateinische Wort Servus übersetzt das griechische doulos=Sklave, und eben nicht diakonos.

Der Diakon repräsentiert den dienenden Christus. Das ist mittlerweile eine gebräuchliche Sprachregelung geworden. Und immer wieder taucht die Formel vom Dienst an den Tischen auf. Das Bild scheint stimmig, auch wenn man die biblischen Texte anschaut. Diakone, das sind die, die in der alten Kirche den Tische gedeckt haben und das, was übrig bleibt an die Armen und Kranken und die Witwen verteilt haben.

Ein bisschen Gabenbereitung und wenn noch Zeit ist neben Beruf und Familie ein paar Caritasaufgaben in der Gemeinde. Das soll der Schlüssel zur Kirche sein? Dafür sieben Jahre Ausbildung? Dafür jedes Jahr bis zu siebzig Lehrveranstaltungen, wo Frau und Kinder auf uns verzichten müssen?

Bei aller Liebe zum Herrn, hier scheint mir, müssen wir genauer hinschauen.

Und wie so oft die die Übersetzung Interpretation. Diakonia trapezeis -der Dienst an den Tischen. Jesus selbst benutzt das Bild des Tischdienstes beim letzten Abendmahl, um den Jüngern den Sinn ihrer Sendung zu verdeutlichen. „Ich bin in eurer Mitte wie der, der bei Tisch bedient“

„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ Diese Stelle aus dem Markus – Evangelium wird zum Schlüssel für das Amtsverständnis der Christen.

Und so scheint es nur folgerichtig, dass die wohl berühmteste Stelle über den Diakonat aus der Apostelgeschichte ebenfalls mit dem Tischdienstmotiv arbeitet.

Im sechsten Kapitel der Apostelgeschichte werden sieben bewährte Männer zum „Dienst an den Tischen“ (diakonia trapezeis) bestellt.

Bereits im folgenden Kapitel tritt jedoch einer von ihnen – Stephanus – nicht als Tischdiener, sondern als wortgewaltiger Verkündiger auf. Hier liegt eine Spannung in der Luft.

Diese Spannung lässt sich auflösen, wenn wir uns die Aufgaben der Tischdiener in der Antike genauer ansehen.

Der Dienst zeichnet sich aus durch die stetige Bewegung zwischen dem Gast und dem Zeremonienmeister. Hier wird eine Art kommunikativen Geschehens beschrieben, ein Austausch zwischen Sendendem, Gesandten (diakonos) und Empfänger.

Der Dienst an den Tischen, also das Auftragen und Abräumen der Speisen ist nunmehr nur noch ein Aspekt der vermittelnden Tätigkeiten des diakonos.

Sein Wesen lässt sich wohl treffender mit dem Bild des Boten beschreiben. So verstanden passt kann der diakonos – Begriff auch auf Jesus besser angewandt werden. Denn auch Jesus ist Botschafter. Die Sendung Jesu hat die Vermittlung zwischen Gott und Menschen zum Ziel. Um diese Sendung zu erfüllen, hat Jesus sich zum diakonos gemacht.

Wer im Sinne des diakonia – Motivs handelt, stellt sich in eine doppelte Relation, er begibt sich in den Dienst des Sendenden und in den Dienst der Menschen, zu denen er gesandt ist. Der Diakon ist Botschafter – das ist sein wesentlicher Auftrag.

Ein Botschafter – schauen wir uns die heutigen Diplomaten an – ist im Wesentlichen ein Vermittler zwischen fremden Welten.

In den Jahren vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil schien es, als gäbe es einen nahezu unüberwindlichen Graben zwischen der Kirche auf der einen Seite und der Lebenswirklichkeit der Menschen, der sündigen Welt, auf der anderen Seite.

Der Heilige Papst Johannes XXIII. Hat die Fenster zur Welt aufgerissen, hat vom Konzil eine Erneuerung im Verhältnis zur Welt gefordert.

Und in diesem Zusammenhang sendet die Kirche mit der Wiederentdeckung des Diakonates endlich auch wieder Botschafter in die Welt, um die Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst der Menschen zu Freude und Angst, Trauer und Hoffnung der Jünger Christi zu machen.

Mit der Wiederentdeckung des Diakonates hat die Kirche ihre diplomatischen Beziehungen zur Welt wieder aufgenommen.

Der Diakon ist aber mitnichten ein Botschafter der Kirche. Der Diakon ist in die Sendung Christi hineingerufen und insofern sind sie Botschafter des Reiches Gottes. Als Diplomaten sollen sie die Sprache des Reiches Gottes verstehen und in die Sprache der Menschen übersetzen.

Sie sollen um die Sorgen und Nöte der Menschen wissen, die Zeichen der Zeit erkennen und diese als Auge und Ohr des Bischofs, wie eine alte Kirchenordnung sagt, zu den Sorgen und Nöten der Kirche machen.

Als Botschafter handeln sie nicht in eigenem Interesse, sondern im Auftrag und in der Sendung Jesu Christi. In diesem Sinn verkünden Sie die Botschaft vom Reich Gottes auch in die Kirche hinein. Es hat seinen guten Sinn, wenn selbst im größten Pontifikalamt, selbst wenn der Papst dem Gottesdienst vorsteht, ein Diakon das Evangelium verkündet.

Der Schlüssel zur Kirche, liebe Schwestern und Brüder, das ist das Evangelium, die Frohe Botschaft vom Reich Gottes, das mitten unter uns ist. Nur in diesem Sinn lässt sich das Wirken der Kirche begreifen und gestalten. Wenn dieses Reich Gottes in der Kirche nicht mehr spürbar wird, hat sie ihre Sendung verfehlt.

Darauf zu achten und dies immer wieder in der Kirche anzufragen und der Welt zu verkünden ist die ureigenste Aufgabe der Diakone. Sie sind Botschafter des Reiches Gottes für die Menschen und Botschafter der Menschen in die Kirche hinein.

Lieber Ronald, wenn Du am kommenden Samstag zum Diakon geweiht wirst, überreicht dir der Bischof das Evangelium. Hör dann gut hin, was er sagt. In meinen Augen ist das der Schlüssel zu deinem Dienst.

„Empfange das Evangelium Christi. Zu seiner Verkündigung bist du bestellt. Was Du liest, ergreife im Glauben. Was Du glaubst, das verkünde und was du verkündest, das erfülle mit deinem Leben.“

Amen

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