Diakon – was bedeutet das Wort?

Grundlegend für das Verständnis der Bedeutung von diakonein im theologischen Kontext ist die Arbeit von Herrmann Wolfgang Beyer im Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament. Sie beschreibt zusammenfassend ein Gesamtverständnis, dass Dienstleistungen beinhaltet, die anderen gewährt werden.1

Der Begriff diakonos und ihm verwandte Worte werden ursprünglich gebraucht im Zusammenhang persönlicher Dienstleistung. Insbesondere handelt es sich um den Tischdienst, die Sorge um den Lebensunterhalt und schließlich ganz allgemein „dienen“.2 Jesus selbst benutzt das Bild des Tischdienstes, um den Aposteln beim letzten Abendmahl die Bedeutung ihres Amtes darzulegen.3

Mit dem Bild des Tischdienstes ist allerdings keineswegs eine gering zu schätzende Tätigkeit gemeint. Der Dienst zeichnet sich aus durch die stetige Bewegung zwischen dem Gast und dem Zeremonienmeister.4 Hier wird eine Art kommunikativen Geschehens beschrieben, ein Austausch zwischen Sendendem, Gesandten (diakonos) und Empfänger. Auf dieser Grundlage erhält das Motiv im Neuen Testament eine neue Färbung, wenn es im Zusammenhang mit den Aposteln genutzt wird.

Macht man sich auf die Suche nach einem übergeordneten Amtsbegriff im Neuen Testament, findet sich mit wenigen Ausnahme nur ein einziges Wort: diakonia. Es wird zugleich zum Grundcharakteristikum jedes christlichen Amtes.5

In die Nachfolge Christi bestellt, sollen die Apostel und alle Christen den Dienst am Nächsten zu ihrem Lebenszweck machen, „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“6. Diese Stelle aus dem Markus – Evangelium wird zum Schlüssel für das Amtsverständnis der Christen.

In der allgemeinen Interpretation des Begriffes diakonos im Sinne eines Amtsträgers hat sich jedoch zunehmend das Bild vom Tischdienst durchgesetzt und wurde – auch durch die historische Entwicklung – vor allem im Zusammenhang mit dem Herrenmahl gebraucht.7

Die exegetischen Arbeiten von John Collins und Anni Hentschel stellen diese Begriffsinterpretation in Frage. Collins entdeckte bereits 1990 durch Sichtung profaner griechischer Texte, dass das diakonein – Umfeld vor allem vermittelnde Funktionen beschreibt.

Anni Hentschel stellt 2007 heraus, dass die vermittelnde Tätigkeit eines diakonos nie in eigener Vollmacht geschieht, sondern immer im Auftrag eines anderen, gleichsam als Bote. So wird der diakonos zum Botschafter, der zwischen Sender und Adressat vermittelt.

Wir haben oben gesehen, dass auch dem Bild des Tischdieners eine vermittelnde Funktion zukommt. Um wie viel mehr muss dieser Aspekt Berücksichtigung finden, wenn er im Wortumfeld selber grundgelegt ist.

Das Bild des Tischdieners eignet sich indes gut, um die prominenteste Perikope im Bezug auf die Frage nach dem Diakonat zu erklären. Im sechsten Kapitel der Apostelgeschichte werden sieben bewährte Männer zum „Dienst an den Tischen“ (diakonia trapezeis) bestellt.8 Bereits im folgenden Kapitel tritt jedoch einer von ihnen – Stephanus – nicht als Tischdiener, sondern als wortgewaltiger Verkündiger auf. Mit der Beobachtung von Eltrop lässt sich diese scheinbare Spannung in der Rolle des Stephanus auflösen.

Eine weitere wichtige Beobachtung in diesem Zusammenhang ist der Sprachgebrauch des Paulus. Der Apostel bezeichnete sich selbst und seine Mitarbeiter häufig als diakonos, wenn es um die Übermittlung von Nachrichten oder die Verkündigung des Evangeliums ging. Bettina Eltrop schließt aus diesem Befund folgerichtig: „Bei vielen Stellen muss […] der Vermittlungs- und Beziehungsaspekt als wesentlicher Bestandteil des diakonischen Geschehens […] neu beachtet werden.“9

Auch die diakonia christi erscheint vor diesem Hintergrund in einem neuen Licht. Es ist hilfreich, „auch das Bedienen (Jesu) und in seiner Folge das karitative Tun als ‚Dazwischen gehen‘ und Botschaft(er) – Tätigkeiten, d.h. im Dienst der missionarischen Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi von der Nähe und Liebe Gottes zu verstehen.“10

Der Dienst an den Tischen ist nunmehr nur noch ein Aspekt der vermittelnden Tätigkeiten des diakonos. Sein Wesen lässt sich wohl treffender mit dem Bild des Boten beschreiben. So verstanden passt kann der diakonos – Begriff auch auf Jesus besser angewandt werden. Denn auch Jesus ist Botschafter. Die Sendung Jesu hat die Vermittlung zwischen Gott und Menschen zum Ziel. Um diese Sendung zu erfüllen, hat Jesus sich zum diakonos gemacht.

Wer im Sinne des diakonia – Motivs handelt, stellt sich in eine doppelte Relation, er begibt sich in den Dienst des Sendenden und in den Dienst der Menschen, zu denen er gesandt ist.11

Schon im profanen Griechisch ist, wie wir gesehen haben, nicht eine minderwertige Funktion, sondern der relationale Charakter verbindendes Moment der verschiedenen Begriffsebenen, die der Wortgruppe diakonein anhaften.12

Somit bekommt der Begriff des diakonos zugleich einen missionarischen Charakter. Ein Bote wird gesandt zu denen, die die Botschaft (noch) nicht kennen. Vor allem der häufige Gebrauch des diakonia – Motivs im paulinischen Briefwerk verweist auf den starken Zusammenhang zwischen Verkündigung und Mission.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mit dem Bild des Tischdienstes eher eine funktionale Beschreibung des diakonos vorliegt. Das Wesen des diakonein erschließt sich vielmehr aus der Botenschaft. Diese Beobachtung ist für eine Rollenbestimmung des Diakons von großer Bedeutung.


1 Vgl. Bettina Eltrop: Biblische Grundlagen zum Diakonat. In: Richard Hartmann (Hg.): Ortsbestimmungen: der Diakonat als kirchlicher Dienst. Frankfurt 2009, 91.

2 Vgl. Alfons Weiser: Art. „Diakon. I. Im Neuen Testament“. In: LThK 3, Freiburg, Basel, Wien, 31995, 178.

3 Vgl. Jean Colson: Der Diakonat im Neuen Testament. In: Karl Rahner, Herbert Vorgrimler (Hg.): Diaconia in Christo. Über die Erneuerung des Diakonates. (Quaestiones Disputatae, 15/16), Freiburg 1962, 3f.

4 Vgl. Stefan Sander: Gott begegnet im Anderen. Der Diakon und die Einheit des sakramentalen Amtes. Freiburg 2006, 104f.

5 Vgl. Stefan Sander (2006), 87f.

6 Mk 10,45.

7 Vgl. Colson, a.a.O., 13.

8 Vgl. Apg 6,2.

9 Eltrop, a.a.O, 91f.

10 Ebd. 93.

11 Vgl. ebd, 106.

12 Vgl. Stefan Sander (2006), 105.