Das Kloster im Leben. Monastische Spiritualität als Provokation. – von Thomas Quartier OSB

Sicherlich mehr als einmal im klösterlichen Leben stellen sich Nonnen und Mönche die Frage nach dem Sinngehalt ihrer monastischen Berufung. Br. Thomas Quartier, Mönch der Abtei St. Willibrord in Doetinchem in den Niederlanden, tut das in seinem Buch „Das Kloster im Leben. Monastische Spiritualität als Provokation“ in einer so noch nicht da gewesenen Weise. Als Professor an der Universität Leuven ist er in seinen Vorlesungen konfrontiert mit der Lebenswelt Jugendlichen und junger Menschen, die in Kontrast zu seinem eigenen Lebensentwurf zu stehen scheint. Als Akademiker entwickelt er Fragen, die es vor dem Hintergrund beider Lebensentwürfe zu reflektieren gilt. Dass dabei seine eigene Biografie eine große Rolle spielt, macht sein Fragen authentisch.

Thomas Quartier ist ein Grenzgänger im besten Sinn des Wortes. Geboren in einem kleinen Städtchen in der Nähe der niederländischen Grenze verbindet er in seiner Person deutsche und niederländische Kultur. Als Professor mit Lehraufträgen in Leuven, Nijmegen und Sant´Anselmo bewegt er sich zwischen monastischer und akademischer Theologie. Als Reisender mit Bildungsauftrag verbindet er die benediktinische stabilitas loci mit der Mobilität eines Menschen im 21. Jahrhundert.
Das Kloster im Leben ist sein Versuch, mithilfe akademischer Reflektion die Herausforderungen der Gegenwart an monastisches Leben theoretisch zu formulieren. Dabei ist sein eigenes Leben zugleich der Ort, an dem seine Reflektion er-lebbar wird.
Das vorliegende Buch gliedert sich in die drei Teile Lebensform: Entfremdung, Handlungen: Aufmerksamkeit und Lebensinhalt: Offenheit.
Der erste Teil fragt nach den Formen, die monastisches Leben heute annehmen kann. Br. Thomas beobachtet die monastische Lebensform auf der Folie einer Subkultur, die immer provozierend ist. Dabei ist der Mönch – aus seiner Sicht immer „Fremder“ im Innen- wie im Außenbereich des Klosters. Er bewegt sich in einem Grenzgebiet, nach Giorgio Agamben in einer Lebensform, die „sich ihrer Verwirklichung ebenso hartnäckig annähert wie sie sie verfehlt“ (40). Trotz aller Grenz- und Übergänge muss aber der Mönch ein Suchender bleiben, sein Blick muss über die Grenzen des eigenen Lebens hinausgehen, um die Zusammenschau verschiedener Weisen der Wirklichkeit zu erlangen, die Kontemplation.
Was genau wird getan, um die monastische Spiritualität zu wahren, danach fragt der zweite Teil des Buches. Lesen, Wachen und Fasten muten zunächst nicht als die großen Neuigkeiten spiritueller Praxis an. Der Autor sucht hier allerdings nach Vergegenwärtigungen geübter Praxis im alltäglichen Leben. So ermutigt er den Leser, im Sinne der klassischen Lectio Divina, sich von Worten im Alltag „anspringen“ (89) zu lassen – beispielsweise von einem Plakat an der Bushaltestelle. „Wir müssen das eine Wort Gottes suchen, dass sich unter den vielen menschlichen Wörtern befindet“ zitiert er Michael Casey an dieser Stelle. Ebenso legt er dem Wachsamkeit den Fokus weniger auf das Tun, als auf die Voraussetzung, etwas zu finden. Wachsamkeit ist dann „in erster Linie eine Haltung.“ (120). So dekliniert Br. Thomas das Lesen, Wachen und Fasten weniger als Tun an sich, sondern als folgerichtige Konsequenz einer Lebenshaltung der Entfremdung, die zu einem mehr an Aufmerksamkeit im Leben führen kann.
Vor diesem Hintergrund fragt der Autor schließlich im dritten Teil nach dem Inhalt des monastischen Lebens, den er mit dem Schlagwort Offenheit charakterisiert. Denken, Handeln und Feiern sind die Leitideen seiner Ausführungen. Monastisches Leben ist, so Quartier, gelebte Theologie. „Man muss darauf vertrauen, dass es genug ist zu tun, was im einzelnen Moment zu tun ist – nicht mehr und nicht weniger.“ (202).
Das Kloster im Leben ist im besten Sinne eine „Provokation“, eine bewusste Herausforderung, durch die jemand zu bestimmten Handlungen bewegt werden soll. Br. Thomas Quartier fordert den Leser heraus. Der klösterliche Leser ist gefordert, den monastischen Denkraum zu verlassen und sich auf die Straßen und Plätze unserer Zeit zu begeben, immer im Wissen, dass hier Klosterleben sichtbar gemacht wird. Der weltliche Leser erkennt sich und sein Suchen wieder in den scheinbar so sinnfreien Handlungen klösterlichen Lebens. Auf 230 Seiten lässt der Verfasser klassische monastische Theologen, wie Corona Bamberg, Michael Casey oder Thomas Merton kommuniziern mit den hierzulande weniger bekannten, aber umso erfrischenderen Denkern der niederländischen Theologie, etwa Cees Nooteboom oder Kees Waaijman. Zu Wort kommt auch der Liedermacher Konstantin Wecker, dessen kritischer Denkhorizont zur Bewährungsprobe des Entwurfes von Br. Thomas wird.
Es ist ein Buch aus dem Leben, aus dem Leben eines jungen Akademikers, den sein wisenschaftliches Suchen und Fragen schließlich zur Konsequenz der Entscheidung für die monastische Lebensform geführt hat. Damit ist es eine Bereicherung für jeden Menschen, der seine geistige Suche in seinem Alltag verorten möchte. Es bietet jede Menge Anregungen, sowohl die eigene monastische Berufung zu befragen, als auch im alltäglichen Leben einen tieferen Sinn zu entdecken. Es ist ein Buch auf der Grenze zwischen Kloster und Welt, das zugleich deutlich macht, dass diese Grenze über sich selbst hinausweist auf einen heiligen Ort, das Kloster im eigenen Leben.
Diese Rezension wurde erstveröffentlicht in der Zeitschrift Ordenskorrespondenz.

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