Christsein braucht Training – was Olympia mit dem Glauben zu tun hat

Diese Predigt wurde gehalten am 21. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C am 21. August 2016
Morgen früh gegen 1:00 Uhr unserer Zeit beginnt die Abschlussfeier der 31. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit in Rio de Janeiro. Es waren Spiele, die ich mit gemischten Gefühlen wahrgenommen habe. Zu den Verlieren der Spiele gehören nicht nur eine große Zahl von Sportlern. Der für das Lateinamerika Hilfswerk Adveniat  zuständige Bischof Overbeck hat in der vergangenen Woche sein Bedauern ausgedrückt: „Ganz konkret zum Beispiel diejenigen, die wegen der neuen teuren Sportstätten ihre angestammten Häuser und Wohngegenden verlassen mussten.“

Auch Br. Augustinus Dieckmann, Leiter der Franziskanermission in Dortmund, mit dem ich vor den Spielen gesprochen habe, ist mehr als kritisch gegenüber den Spielen in Rio: „Die Investitionen zugunsten der diesjährigen Sommerolympiade öffnen die soziale Schere immer weiter: Reiche bereichern sich und Arme verarmen noch mehr. Ich würde sogar sagen, dass das Olympische Feuer in Rio mehr Hoffnungen verbrennt, als dass es das Leben gerade der armen Menschen heller machen würde.“
Das ist die traurige Seite dieser Spiele. Dazu kommen noch die Dopingskandale, vor allem im russischen Team und der Unfalltod des Deutschen Kanutrainers.
Aber Olympia wäre nicht Olympia, wenn man nicht auch am Rande etwas von der sportlichen Dimension mitbekommen würde. Wenn man sich nicht auch über eine deutsche Medaille freuen könnte. Wenn man nicht auf die Freude der Athleten teilen könnte.
Der eigentliche Kern – der sportliche Wettkampf gerät in der öffentlichen Wahrnehmung mehr und mehr in den Hintergrund. Für die Sportler ist er aber sicher das zentrale Moment dieser Spiele.
Die Olympischen Spiele der Neuzeit gehen zurück auf sportliche Wettkämpfe im antiken Griechenland. Sie waren aber keine „Sportveranstaltung“ in unserem heutigen Sinne, sondern ein religiöses Fest zu Ehren des Göttervaters Zeus und des göttlichen Helden Pelops. Die antiken Spiele waren aus heutiger Sicht außerordentlich brutal, jeder Teilnehmer in den klassischen Kampfsportarten (Boxen, Ringen, Stockfechten, Pankration) musste auch mit dem Tod rechnen und teilweise wurden Kämpfer für ihr Durchhalten zum Sieger erklärt, nachdem ihr Tod im Kampf festgestellt wurde.
Das griechische Wort für den sportlichen Wettstreit im Stadion lautet Agon. Die Einheitsübersetzung, aus der wir eben das Evangelium gehört haben, ist hier meines Erachtens ein wenig unscharf: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen.“
Im griechischen Urtext steht dort: Kämpft darum, durch die enge Tür zu kommen.
Der Weg durch die enge Tür ist der Weg der Rettung. Der Evangelist mahnt an dieser Stelle zu Ausdauer, es geht darum, die Verfolgungen und Leider der damaligen Zeit, denen die jungen Gemeinden ausgesetzt waren, zu bestehen.
Wenn wir das Bild des sportlichen Wettkampfes aufgreifen, mit dem Lukas hier spielt, so meine ich, kann uns dieser Text auch einige Impulse für unser heutiges Leben geben.
Fragt man einen Sportler, was der wichtigste Baustein seines Erfolges ist, so lautet die Antwort: Hartes und konsequentes Training. Die Goldmedaillen, die in Rio vergeben wurden, sind die Konsequenz einer oft mehrjährigen Vorbereitung.
Das heißt im übertragenen Sinn: der Weg zum Heil, der Weg zur Rettung bedarf des Trainings, es ist ein Weg des Einübens. Nicht zufällig bezeichnet der Heilige Ignatius seine Geistlichen Übungen als Exerzitien, vom lateinischen exercitium für Übung. Zuletzt beim Weltjugendtag in Krakau hat der Papst das den Jugendlichen sehr deutlich vor Augen geführt. „Steht auf aus dem Sofa der Bequemlichkeit, geht hinaus.“ Bewegt Euch – so könnte man sagen.
Welche Trainigseinheiten können wir als Christen absolvieren?
Da ist zunächst das persönliche Gebet. Papst Benedikt bezeichnet es in seiner Enzyklika Spe Salvi als „Übung der Sehnsucht“. Im persönlichen Gebet, indem ich Gott als ein Gegenüber in mein Leben lasse, übe ich mich ein in die Gewissheit: „Wenn niemand mir zuhört, hört Gott mir immer noch zu.“
Weitere Übungen können helfen, die Spuren Gottes in meinem Leben zu entdecken. Die Bibel zu lesen und die Sakramente zu empfange, Gottesdienst zu feiern, die Gemeinschaft der Kirche zu erleben – all das sind Wege, sich einzuüben auf dem Weg zum Heil.
Wenn Menschen miteinander eine Beziehung eingehen, dann müssen sie sich kennen lernen, der gemeinsame Alltag bedarf der Übung. Ebenso ist es mit der Gottesbeziehung. Wer eine lebendige Gottesbeziehung haben will, der muss sich darin einüben.
Im Sport und in der Musik ist es jedermann einsichtig, dass zu einer guten Praxis auch die Übung dazu gehört. Warum sollte das in der Glaubenspraxis anders sein? Ein Musiker, der sein Instrument beherrscht kann es schaffen, wie man so schön sagt, den Himmel zu öffnen. Momente zu schaffen, in denen Himmel und Erde sich berühren. Menschen zu begeistern. Ein Glauben, der keine Gestalt hat, wird das nicht schaffen.
Bei allem Bewusstsein der Notwendigkeit ständiger Übung dürfen wir aber eines nicht vergessen. Übung alleine bringt keinen Erfolg. Bei den Olympischen Spielen können wir beobachten, dass den hoch trainierten Athleten am Ende immer ein gewisses Etwas zum Sieg verhilft.
Sie nennen es oft Glück. Wir Christen nennen es Gnade. Gnade bedeutet: Gott schenkt uns etwas – unverdient. Jetzt ist es aber nicht so, dass wir durch fleissiges Üben Gottes Gnade verdienen können. Gnade ist immer umsonst, gratis – unverdient. Aber die regelmäßige Übung macht und wachsam für den Moment der Gnade – wir nennen ihn kairos,  den von Gott gegebenen Zeitpunkt, eine besondere Chance und Gelegenheit, unsere Sendung zu erfüllen.
Diesen Kairos hat Whitney Houston vertont. Zu den Olympischen Sommerspielen in Seoul 1988 hat sie ihren unvergessenen Song „one moment in time“ geschrieben.
Dieses Lied klingt im Licht des heutigen Evangelium fast wie ein Gebet:
Each day I live
I want to be
A day to give the best of me
I want one moment in time
When I’m more than I thought I could be
And in that one moment of time
I will feel eternity
Jeder Tag, den ich lebe soll ein Tag sein, an dem ich mein Bestes gebe. Ich möchte diesen einen besonderen Augenblick, an dem ich mehr bin, als ich jemals dachte, sein zu können.
Dann, in diesem einen besonderen Augenblickw erde ich die Ewigkeit spüren.
Amen

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